Nissan ProPILOT: Wie Anthropologen das autonome Fahren vorantreiben?
Für das autonom fahrende Auto der Zukunft bedarf es zahlreicher Spezialisten. Wen man nicht unbedingt erwartet, sind Anthropologen. Bei Nissan sollen die Menschenkundler eine wichtige Rolle in der Entwicklung künftiger selbstfahrender Autos spielen. Sie analysieren das menschliche Verhalten am Steuer, damit das Fahrzeug genauso reagieren kann wie ein „guter“ Verkehrsteilnehmer.
„Fahrzeugtechnologien verändern und entwickeln sich permanent“, erläutert Melissa Cefkin, leitende Wissenschaftlerin und Design-Anthropologin im Nissan Research Center im Silicon Valley. „Und nun kommt das autonome Fahren hinzu; das bringt weitere gesellschaftliche Veränderungen mit sich – unter anderem die Art und Weise, wie wir uns alltäglich auf der Straße verhalten.“

In Bezug auf autonom fahrende Autos heißt das: Sie beobachtet, wie Menschen mit einem „zutiefst kulturellen Objekt“ wie dem Auto interagieren, und gewinnt dadurch Einblicke, wie neue Technologien dieses Verhalten interpretieren und nachahmen können. „Wer auf dem Fahrersitz eines autonom fahrenden Fahrzeugs sitzt, muss es nicht zwangsläufig steuern. Und der nächste Schritt führt zum komplett fahrerlosen Fahren, es muss also niemand mehr auf dem Fahrersitz Platz nehmen“, so Cefkin, die seit März 2015 für Nissan arbeitet und zuvor für IBM, Sapient Corp. und das einflussreiche Institute for Research and Learning tätig war.
Cefkin und ihr Team konzentrieren sich auf den dritten Meilenstein des Nissan Programms für autonome Autos: die Fähigkeit, sicher durch den Stadtverkehr zu manövrieren und selbständig Kreuzungen zu überqueren, ohne dass der Fahrer eingreifen muss. Ein entsprechendes System soll bereits im Jahr 2020 auf den Markt kommen. Im Juli diesen Jahres hat der japanische Automobilhersteller den „ProPILOT“ vorgestellt: Diese Technik ermöglicht zeitweise autonomes Fahren im einspurigen Autobahn- und Pendlerverkehr und entlastet den Fahrer. Die Weiterentwicklung für den mehrspurigen Verkehr, mit der Autos selbstständig Gefahren minimieren und Fahrspuren wechseln können, ist für 2018 vorgesehen.
Neben der Interaktion von Fahrern in der Stadt dokumentiert das Team auch die Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Fußgängern, Fahrradfahrern und Straßencharakteristika. „Wir versuchen mit unserer Arbeit herauszufinden, was ein autonom fahrendes Auto wissen muss. Was nimmt es von der Welt wahr und wie kann es diese Informationen verarbeiten, Entscheidungen treffen und so unter unterschiedlichen Bedingungen möglichst effizient agieren“, erklärt Cefkin.
Kreuzungen mit Stoppschildern schaffen zum Beispiel eine „problematische, aber äußerst interessante“ Situation. „Was an Kreuzungen mit Stoppschildern an allen vier Straßen passiert, bietet jede Menge Interpretations-Spielraum. Natürlich muss ich halten, aber ich weiß nicht, wann ich wieder losfahren darf. Genau das muss ich herausfinden.“
Erste Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Autofahrer, Fußgänger und Fahrradfahrer oftmals Augenkontakt und andere Formen direkter Kommunikation wie Handzeichen nutzen, um ihre Absicht zu verdeutlichen. Nissan hat sich deshalb schon frühzeitig mit der Frage beschäftigt, wie autonome Fahrzeuge ihr Handeln ankündigen können. Eine mögliche Antwort gibt das auf der Tokyo Motor Show 2015 vorgestellte Nissan IDS Concept Car, das mit verschiedenen Leuchten und Anzeigen arbeitet.
Einige Features könnten die autonomen Nissan Fahrzeuge im nächsten Jahrzehnt übernehmen – darunter ein Signal, mit dem das Auto zu erkennen gibt, dass es einen Passanten wahrgenommen hat. Cefkins Team arbeitet derzeit an Kommunikationsmöglichkeiten für Situationen, in denen mehrere Fußgänger und Fahrradfahrer präsent sind. Das Fahrzeug muss seine Absicht wie „Stoppen, Warten, Gehen“ so klar kommunizieren, dass jeder es versteht – ohne Raum für Interpretationen.
Fotos: Nissan
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